Offener Brief des Bürgermeisters zur finanziellen Situation der Stadt Aichtal
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
„Die Kasse ist leer: Aichtal zieht die Reißleine“ – so lautete die Schlagzeile der Nürtinger Zeitung am Freitag, 26. September 2025. Wirklich? Die Lage ist zwar dramatisch – aber die Kassen sind nicht leer. Zum Jahresbeginn 2025 lagen über 15 Millionen Euro auf dem Konto der Stadt Aichtal. Deshalb ist entscheidend: Wenn wir verantwortungsvoll mit den Mitteln umgehen, bleibt Aichtal handlungsfähig – auch wenn in den kommenden Jahren neue Kredite unumgänglich sein werden.
Seit Erscheinen des Zeitungsartikels haben mich zahlreiche Nachrichten erreicht – per Mail, telefonisch und über die sozialen Medien. Viele haben gefragt, ob wichtige Projekte wie der Neubau der Kindertagesstätte Pavillon in Neuenhaus oder der Bildungscampus Weiherbach nun gefährdet sind. Diese Sorgen nehme ich ernst. Und deshalb möchte ich Ihnen die Fakten offen darlegen.
Ja, die Haushaltslage ist sehr angespannt – wie in vielen Städten. Der Präsident des Deutschen Städtetags, Burkhard Jung, spricht sogar von der schwersten kommunalen Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Investitionen seien vielerorts dringend nötig, gleichzeitig schwinde die Gestaltungskraft der Städte, wenn nur noch über den Mangel entschieden werde.
Und auch der Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg, Steffen Jäger, warnt: Die Kommunen sind das Rückgrat unseres Staates – doch ihre Handlungsfähigkeit ist massiv gefährdet. Die Finanzlage sei so dramatisch, dass vielerorts selbst Pflichtaufgaben kaum noch erfüllt werden können. Sporthallen, Kindergärten oder Schulen bleiben unsaniert, Investitionen in Klimaschutz oder Klimaanpassung entfallen, Nutzungsgebühren steigen. Hallenbäder lassen sich nicht mehr halten und Vereinsförderungen stehen in vielen Kommunen auf dem Prüfstand.
Keine dieser Maßnahmen will ein Kommunalpolitiker beschließen – doch vielerorts werden sie unvermeidlich. Und Jäger macht klar: Geld allein löst das Problem nicht. Denn es geht nicht nur um Finanzen, sondern um Strukturen. Der Staat lebt seit Jahren über seine Verhältnisse. Die Summe an Leistungszusagen, Standards und Versprechen der Politik ist inzwischen größer als die Ressourcen, die tatsächlich zur Verfügung stehen. Diese bundesweite Krise spüren auch wir in Aichtal deutlich. Wir könnten den Mangel weiter verwalten und Probleme verschieben. Oder wir stellen uns der Realität und packen Schulen, Kitas, Feuerwehr, Infrastruktur und die Versorgung unserer älteren Generation an. Diesen Weg gehen wir in Aichtal – entschlossen und mit klaren Prioritäten.
Schuldenabbau und steigende Rücklagen
Als ich Ende 2020 mein Amt angetreten habe, lag der Schuldenstand der Stadt Aichtal bei 2,94 Millionen Euro – das entsprach etwa 294 Euro pro Einwohner. Bis Ende 2025 wird dieser Stand auf 2,06 Millionen Euro sinken, also rund 206 Euro pro Kopf. In fünf Jahren haben wir also den Schuldenstand um fast ein Drittel senken können. Auch die Rücklagen haben sich positiv entwickelt: 2020 lagen unsere liquiden Mittel bei 6,8 Millionen Euro (680 €/Einwohner), Anfang 2025 bereits bei 15 Millionen Euro (ca. 1.500 €/Einwohner). Das bedeutet: Die Pro-Kopf-Verschuldung ist gesunken, während sich die Rücklagen in nur fünf Jahren mehr als verdoppelt haben.
Doch dieser Fortschritt schützt uns nicht vor den großen Herausforderungen. Der Sanierungsstau, der sich über viele Jahrzehnte aufgebaut hat, holt uns ein. Deshalb werden wir künftig gezwungen sein, neue Kredite aufzunehmen – nicht für Prestigeprojekte, sondern um Pflichtaufgaben auf ein Niveau zu bringen, das unsere Stadt funktionsfähig hält. Wir investieren in Werte, die allen Generationen zugutekommen – den Kindern, den Familien und den Seniorinnen und Senioren.
Investitionen in unsere Zukunft
Darum setzen wir die Mittel dort ein, wo sie unverzichtbar sind: in sichere Kitas, moderne Schulen, eine leistungsfähige Feuerwehr, einen Bauhof mit zeitgemäßer Ausstattung, in Straßen, Brücken und Hochwasserschutz. Auch die älteren Menschen haben wir im Blick: Barrierefreie Wege, Bushaltestellen und öffentliche Gebäude, seniorengerechte Infrastruktur und eine gesicherte ärztliche Versorgung gehören genauso zu den Zukunftsaufgaben. Mit einem kommunalen Zuschuss haben wir bereits einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Hausärzte in Aichtal geleistet – doch wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. In Aichtal gibt es bisher keine stationäre Pflege. Unser Ziel ist es, mittelfristig auch hier ein Angebot zu schaffen, damit ältere Menschen nicht gezwungen sind, für Pflegeplätze die Stadt zu verlassen.
Konkret heißt das: Wir bauen ein neues Feuerwehrhaus, errichten den Bildungscampus Weiherbach für über 300 Kinder, sanieren die drei Grundschulen, ersetzen die Kita Pavillon in Neuenhaus, modernisieren den Bauhof und arbeiten daran, die Daseinsvorsorge für Seniorinnen und Senioren dauerhaft zu sichern. Hinzu kommen Investitionen in Straßen, digitale Infrastruktur und Schutzmaßnahmen gegen Hochwasser.
All das sind keine „Extras“, sondern Grundvoraussetzungen. Deshalb liegt mein Schwerpunkt klar auf diesen Pflichtaufgaben – und ich hoffe dabei auf die Unterstützung des Gemeinderats und der Bürgerschaft.
Über 30 Millionen Euro bis Ende 2029
Wenn wir Kurs halten, werden wir bis Ende 2029 über 30 Millionen Euro in Pflichtaufgaben investieren – so viel wie nie zuvor in Aichtal. Das entspricht mehr als 3.000 Euro pro Einwohner.
Das ist kein Luxus, sondern notwendige Generationengerechtigkeit. Wir dürfen unseren Kindern keine maroden Schulen und feuchten Kitas hinterlassen. Aber auch die ältere Generation hat Anspruch auf sichere und funktionierende Einrichtungen – von barrierefreien Begegnungsräumen bis zur Feuerwehr, die im Notfall schnell und zuverlässig helfen kann. Wir müssen heute investieren, damit Aichtal morgen sowohl für junge Familien als auch für Seniorinnen und Senioren lebenswert bleibt.
Und dazu gehört vor allem eines: Ehrlichkeit und Realismus. Wir stehen vor den größten Herausforderungen seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Die Wahrheit ist: Die kommenden Jahre werden uns allen etwas abverlangen – aber sie sind notwendig, damit wir eine starke Zukunft aufbauen können.
Aufgaben von Bund und Land
Doch während wir unsere Hausaufgaben machen, kommen ständig neue Aufgaben von außen. Ein Beispiel ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, der uns zu erheblichen Investitionen in Räume und Personal zwingt. Noch deutlicher zeigt sich die Belastung bei der Unterbringung von Geflüchteten: Wir sind gesetzlich verpflichtet, Menschen aufzunehmen und müssen allein 2026 voraussichtlich rund 800.000 Euro dafür aufbringen.
Bereits 2016 war die Stadt gezwungen, für die Anschlussunterbringung von Geflüchteten einen Kredit in Höhe von 1,2 Millionen Euro aufzunehmen. Diese Lasten tragen wir vor Ort – obwohl weder Bund noch Land die Finanzierung wirklich sichern. Aichtal hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Integration gelingen kann – aber wirmüssen ehrlich fragen, wie viel noch leistbar ist, ohne dass unsere Systeme kippen.
Pflicht vor Kür – und Hindenburgplatz nachrangig
Vor diesem Hintergrund ist klar: Wir können nicht alles gleichzeitig umsetzen. Ein Beispiel ist die Umgestaltung des Hindenburgplatzes. So schwer mir das fällt, denn ich finde die Entwürfe sehr gelungen, müssen wir dieses Projekt zurückstellen. Immerhin geht es um rund 250.000 Euro – Geld, das wir derzeit dringender in Schulen, Kitas, Feuerwehr und in die Versorgung unserer Senioren investieren müssen. Daher hat der Gemeinderat mit Weitsicht entschieden und die Umgestaltung des Hindenburgplatzes unter Finanzierungsvorbehalt gestellt – nicht, weil die Kassen schon leer wären, sondern weil wir verantwortungsvoll handeln. Solange Pflichtaufgaben nicht gesichert sind, gilt für mich: Pflicht vor Kür.
Freiwillige Leistungen – wertvoll, aber belastend
Hinzu kommen erhebliche freiwillige Leistungen. Sie sind wichtig für das Leben in Aichtal, kosten uns aber jedes Jahr über eine Million Euro. Das zeigt: Unsere Stadt leistet weit mehr, als sie müsste. Aber diese Ausgaben binden Mittel, die uns für zusätzliche Projekte fehlen. Auch hier gilt: Wir müssen ehrlich abwägen, wie lange wir uns all das noch leisten können.
Mein Fazit – und der Blick nach vorn
Die Schlagzeile von den „leeren Kassen“ führt in die Irre. Richtig ist: Wir bauen Schulden ab und haben unsere Liquidität verdoppelt. Unser Ziel ist, bis 2029 mehr als 30 Millionen Euro in Pflichtaufgaben zu investieren – sofern der Gemeinderat diesen Kurs mitträgt. Ebenso richtig ist aber, dass wir auf dramatische Zeiten zusteuern.
Natürlich bedeutet das auch Einschnitte und Sparmaßnahmen. Aber genau diese Konzentration auf das Wesentliche ist der richtige Weg: Nur wenn wir zuerst unsere Pflichtaufgaben sichern, schaffen wir die Grundlage für alles Weitere. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele von uns Wohlstand als selbstverständlich erlebt. Doch aktuelle Entwicklungen – wie die Entlassungen bei Bosch, Putzmeister und anderen Unternehmen – zeigen: Eine Garantie für künftigen Wohlstand gibt es nicht. Deshalb müssen wir heute handeln, um Aichtal zukunftsfest zu machen.
Wir arbeiten heute an einem Aichtal, das für alle Generationen ein guter Ort zum Leben bleibt – sicher, modern und zukunftsfähig. Dieses Ziel erreichen wir nur gemeinsam: mit einer engagierten Bürgerschaft, einem verantwortungsbewussten Gemeinderat und einer tatkräftigen Verwaltung. Jeder wird dabei sein Päckchen zu tragen haben, jeder seinen Beitrag leisten – aber am Ende wird es unser gemeinsamer Erfolg sein.
Mit freundlichen Grüßen
Sebastian Kurz
Bürgermeister










