Bauen aktuell / Grundstücke: Stadt Aichtal

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Aichtal rüstet sich gegen Starkregen

Artikel vom 24.05.2022

Ingenieure simulieren extremes Starkregen-Szenario in Aichtal

Der 28. Juni 2021 ist in die Geschichte von Aichtal eingegangen – als Tag, an dem ein Jahrhundertstarkregen die Bürger heimsuchte. Die Feuerwehr zählte über 100 Einsätze, erklärte Bürgermeister Sebastian Kurz. Die Stadt möchte besser auf die Unwetter vorbereitet sein, daher hat bereits 2019 der Gemeinderat ein Starkregenrisikomanagement in Auftrag gegeben. Für rund 70 000 Euro hat das Ingenieurbüro Klinger und Partner aus Stuttgart die Auswirkungen von extremen Regenfällen in der Stadt untersucht sowie ein Handlungskonzept erarbeitet. Vom Land bekommt die Stadt Aichtal Fördermittel in Höhe von 46.600 Euro.

Auslöser für das Thema war das heftige Sommerunwetter im Jahr 2018, das damals vor allem in Grötzingen schwere Schäden angerichtet hat. Daraufhin haben sich die Stadtverwaltung und der Gemeinderat noch im selben Jahr mit Möglichkeiten befasst, bei künftigen Unwettern besser vorbereitet zu sein. Um Schwachstellen innerhalb der Stadt besser identifizieren zu können, wurde dann 2019 das Starkregenrisikomanagement in Auftrag gegeben. Die Stadt Aichtal zählte damals zu einer der ersten Kommunen, die eine solche Untersuchung beauftragte. Von 179 Kommunen in der Region Stuttgart haben sich bisher nur 55 Städte und Gemeinden auf Starkregen vorbereitet, indem sie ein Starkregenrisiko-Konzept nach der Strategie des Landes Baden-Württemberg erstellt haben. Dabei wird per Computer ein heftiges Unwetter mit Starkregen simuliert. Anhand eines dreidimensionalen Modells des gesamten Stadtgebiets wird aufgezeigt, wohin sich die Wassermassen bewegen beziehungsweise wo sie sich sammeln. Daraufhin können Vorschläge erarbeitet werden, die Infrastruktur und Gebäude besser schützen sollen. Im Zuge des Starkregenrisikomanagements fand am vergangenen Samstag eine Beteiligung der Bürger statt. Zunächst informierten die Stadtverwaltung und die Ingenieure Dr. Jan Butz und Kevin Knoche vom Büro Klinger und Partner über die Starkregengefahrenkarten. Anschließend konnten sich die Bürgerinnen und Bürger mit Fragen an die Stadtverwaltung wenden. Das Stadtbaumt sowie die Ingenieure berieten betroffenen Anwohner, denn das kommunale Starkregenrisikomanagament ersetzt nicht die private Vorsorge.

Private Vorsorge ist wichtig

Das Kanalnetz einer Kommune kann nicht darauf ausgerichtet werden, dass es extreme Starkregenfälle sofort ableiten kann. Die Rohre der Kanalisation würden sonst so groß und so teuer werden, dass die Bürger, die sie ja über Abwassergebühren mit bezahlen müssen, unvertretbar belastet würden. Deshalb muss bei solchen starken Regenfällen eine kurzzeitige Überlastung des Entwässerungsnetzes und damit ein Rückstau in die Grundstücksentwässerungsanlagen in Kauf genommen werden. Dabei kann das Wasser des Kanals aus den tiefer gelegenen Ablaufstellen (Gully, Waschbecken, Waschmaschinenabläufe, Bäder, WC-Anlagen etc.) austreten, falls diese Ablaufstellen nicht vorschriftsmäßig gesichert sind. Auch wenn es bisher noch niemals zu einem Rückstau kam, kann nicht darauf vertraut werden, dass ein solcher, etwa infolge einer unvorhersehbaren, kurzfristigen Kanalverstopfung, für alle Zukunft ausbleibt. Die Hauseigentümer sind daher in eigener Verantwortung verpflichtet, alle tiefliegenden Ablaufstellen, vor allem im Keller, mit Rückstauvorrichtungen zu versehen. Alle Räume oder Hofflächen unter der Rückstauebene, die im allgemeinen in Höhe der Straßenoberkante angenommen wird, müssen gesichert sein.

Stadt wird kritische Infrastruktur schützen

Die Ingenieure haben kritische Objekte in Aichtal identifiziert und der Stadtverwaltung einen Maßnahmenkatalog empfohlen. Dabei haben laut den Experten Maßnahmen zur Abhaltung von Außengebietswasser das größte Potential. In Grötzingen ist die Altstadt durch den Weiherbach stark gefährdet. Daher empfehlen die Ingenieure eine Stauanlage zur Rückhaltung von 8 Millionen Liter Wasser vor der Dole des Steidachgrabens in der Mündung zum Weiherbach. Durch eine Vergrößerung der Brückenquerschnitte entlang des Weiherbachs soll zudem vermieden werden, dass sich das Wasser zurückstaut und in das Wohngebiet fließt. Brennpunkt im Stadtteil Aich ist insbesondere der Schlaitdorfer Weg und das dortige Feuerwehrhaus. Hier ist von einer großflächigen Überflutung auszugehen. Die Ingenieure sehen sogar die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr gefährdet. In dem Bericht der Gutachter heißt es: „Kritisch zu sehen ist die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr im Hochwasserfall. Diese sollte auch bei einem extremen Regen und einem Hochwasserereignis einsatzfähig sein. Durch die Feuerwehrabteilungen Grötzingen und Neuenhaus kann die Feuerwehr in Aich unterstützt werden. Maßnahmen des Objektschutzes sind laut den Ingenieuren nur schwer umzusetzen, da die Feuerwehr durch die Tore ausrücken muss. Die Experten empfehlen im Bereich des Schlaitdorfer Weges und des Baiersbach eine Stauanlage für 7,8 Millionen Liter Wasser sowie weitere 3,9 Millionen Liter Wasser an der Bundesstraße 312. Da die Maßnahmen jedoch zum Großteil auf Gemarkung der Gemeinde Neckartailfingen umgesetzt werden müssen, ist eine interkommunale Zusammenarbeit sehr wichtig, betont Bürgermeister Kurz. Ein weiterer stark betroffener Bereich ist der Filderweg in Aich. Hier sollen oberhalb der Wohnbebauung rund 4 Millionen Liter Wasser zurück gehalten werden. Für den Stadtteil Neuenhaus empfiehlt das Ingenieurbüro die Rückhaltung von rund 220.000 Liter Wasser oberhalb vom Grörrach und des Maienweges.

Aber nicht nur bauliche Maßnahmen sind vorgesehen: Bürgermeister Kurz betont, dass die Stadt Aichtal auch die Notfallpläne überarbeiten und ein Messnetzkonzept errichten wird. So sind an der Aich, der Aich, dem Bombach, dem Altgrötzinger Bach und am Weiherbach Wasserstandspegelmesser vorgesehen, um bereits im Voraus Hochwasserstände der Gewässer zu beobachten und die Feuerwehr und den Bauhof in entsprechende Alarmbereitschaft zu versetzen. Damit kann wertvolle Zeit für die Vorbereitung im Hochwasserfall gewonnen und können Schutzmaßnahmen vorbereitet werden. Die Pegel sollen mit einer automatischen Datenübertragung ausgestattet sein.

Neben Wasserstandspegeln sollen auch Niederschlagsmessstationen mit automatischer Messwertübertragung installiert werden um im Starkregenfall wertvolle Informationen zu liefern. Da die Vorwarnzeit bei Starkregenereignissen extrem kurz ist, können diese Messstationen dazu beitragen, die Vorbereitungszeit bei Starkregen zu optimieren. Potentielle Standorte sind das Einzugsgebiet des Baiersbachs, des Finsterbachs und des Filderwegs, da es hier bereits in der Vergangenheit zu einem sehr hohen Abfluss mit entsprechenden Schäden kam.

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